Für Baldrian, Hopfen, Lavendel, Melisse und Passionsblumenkraut liegen deutsche, ESCOP- und EMA-Monografien vor. Als Indikationen für diese Phytotherapeutika sind Angespanntheit, Ruhelosigkeit, Gereiztheit mit Schlafstörungen aufgeführt. Damit besitzen alle auch eine anxiolytische Wirkung. Auf die Behandlung von Depression und Ängsten mit Johanniskraut wird hier nicht eingegangen. Dafür wurde die stressreduzierende Rosenwurz (Rhodiola rosea) berücksichtigt.
Wirkung: Lavendelöl wirkt angstlösend, antidepressiv, sedierend und spasmolytisch. Diese Effekte sind in explorativen Studien belegt. Die Wirkung von Lavendelöl ist der von Benzodiazepinen, wie Lorazepam, nicht unterlegen.
Wirksamkeitsnachweise: Studien zeigen, dass die tägliche Einnahme von 80 mg Lavendelöl in Form von Kapseln eine angstlösende Wirkung hat und die Schlafqualität verbessert.
Kontraindikationen: Nicht empfohlen bei Fruktoseintoleranz (enthält Sorbitol), für Kinder unter 18 Jahren, Schwangere und stillende Frauen.
Nebenwirkungen: Gelegentlich kann es zu Aufstoßen oder Übelkeit kommen. Bei Überdosierung können Symptome wie Erbrechen, Übelkeit, Durchfall, Bauchschmerzen, Benommenheit und eventuell Krampfanfälle auftreten. Die Resorption von Lavendelöl kann durch Milch oder Alkohol verstärkt werden. #20
Hauptbestandteile der Lavendelöle sind oxidierte Monoterpene (Linalool, Linalylacetat, 1,8-Cineol, Campher) sowie weitere Monoterpenoide (Lavandulol, Lavandulylacetat). Die Monoterpene α-Pinen, β-Pinen und β-Ocimen, die Sesquiterpene β-Farnesen und β-Caryophyllen sowie das oxidierte Sesquiterpen Caryophyllen-Oxid werden tendenziell zu den Nebenbestandteilen der Lavendelöle gezählt. Zu den Hauptbestandteilen des Lavendelöls „Lavendel fein“, gewonnen aus L. angustifolia Mill., zählen Linalylacetat, Linalool, (Z)-β-Ocimen, Lavandulylacetat sowie Terpinen-4-ol. Zusätzlich wurde (E)-β-Ocimen und Lavandulol im ätherischen Öl von L. angustifolia Mill. detektiert. Insgesamt konnten über 450 Substanzen im Lavendelöl „Lavendel fein“ identifiziert werden.
Das Lavendelöl „Lavendel fein“ besitzt unter all den verschiedenen Lavendelölen die höchste Variabilität im Bezug auf die qualitative Zusammensetzung der Bestandteile. Als signifikanter Bestandteil dieses Lavendelöls wurde zum Beispiel Citronellol in einem indischen Öl, Borneol in einem russischen Öl, α-Terpineol in einem italienischen Öl sowie Campher in einem chinesischen und französischen Öl dokumentiert. Die Zusammensetzung der Hauptbestandteile Linalylacetat sowie Ocimene kann ebenfalls variieren. Ist der Gehalt an Linalylacetet hoch, so sind Ocimene nur in geringeren Konzentrationen enthalten. Umgekehrt wird das gleiche Schema beobachtet. Das ätherische Öl von L. angustifolia Mill. subsp. pyranaica besitzt hingegen einen höheren Gehalt an Borneol und Campher. In der Gattung Lavandula wurden 37 Triterpenoide einschließlich deren tetracyclischen, pentacyclischen sowie steroidhältigen Derivaten dokumentiert.
Inhaltsstoffe von Lavendeöl im Vergleich: +, ++, +++ in zunehmender Konzentration enthalten
| Lavandula angustifolia Mill (echter Lavendel) | |||
| Borneol | nicht enthalten | + | nicht enthalten |
| Camphen | nicht enthalten | + | nicht enthalten |
| Campher | nicht enthalten | + |
in Spuren enthalten |
| Caryophyllen und/oder sein Oxid | + | in Spuren enthalten | + |
| 1,8-Cineol | nicht enthalten | ++ | + |
| Farnesen Isomere | + | nicht enthalten |
+ |
| Fenchon | nicht enthalten | nicht enthalten | nicht enthalten |
| Lavandulol | + | nicht enthalten | + |
| Lavandulylacetat | + | nicht enthalten | + |
| Limonen | nicht enthalten | nicht enthalten | + |
| Linalool | +++ | + | + |
| Linalylacetat | ++ | ++ | +++ |
| Myyrcen | + | nicht enthalten | + |
| (E)- und (Z)-Ocimen | + | nicht enthalten | in Spuren enthalten |
| Alpha- und Beta-Pinen | ++ | nicht enthalten | + |
| Terpinen-4-ol | ++ | nicht enthalten | in Spuren enthalten |
| Alpha- und Gamma-Terpineol | nicht enthalten | nicht enthalten | in Spuren enthalten |
In der Gattung Lavandula wurden Flavone, Flavonole, Flavanone sowie Anthocyane beobachtet. Diese kommen entweder in freier Form oder durch O- und C-Glykosylierung konjugiert vor. In konjugierter Form dominieren Glucoside, Glucuronide sowie Rutinoside die chemische Struktur.
Die Wasserdampfdestillation ist die gängigste Methode zur Isolation des ätherischen Öls aus Lavendel. Diese Methode wird gegenüber anderen Extraktionsverfahren bevorzugt, da die benötigte Ausrüstung preiswert ist. Zusätzlich weisen Endprodukte keine Rückstände an Lösungsmittelresten auf und benötigen keinen weiteren Trennungsvorgang.
Als Nachteil können lange Destillationszeiten angesehen werden. Diese erstrecken sich im Durchschnitt auf eine Zeitspanne von ein bis fünf StundenIn einer Studie von Zheljazkov et al. wurde das Maximum derAusbeute des ätherischen Öls von L. angustifolia Mill. nach 60 Minuten bestimmt. Benso wurde ein Zusammenhang zwischen der chemischen Zusammensetzung des ätherischen Öls sowie der Destillationszeit beobachtet. Neben der Dauer der Destillation spielen auch physikalische Faktoren eine Rolle. Es kann zur Hydrolyse von Estern, der Zerstörung von thermolabilen Verbindungen durch erhöhte Temperatureinwirkung sowie zum Verlust hydrophiler Substanzen kommen. Während des Destillationsprozesses ist ebenso eine Neubildung verschiedener Verbindungen möglich. Diese können von Erwünschter, jedoch auch von unerwünschter Natur sein.
Zusätzlich zur Wasserdampfdestillation werden in seltenen Fällen die CO2-Extraktion sowie die Solventextraktion zur Gewinnung von Lavendelöl eingesetzt [14]. Bei der Solventextraktion handelt es sich um eine Fest-Flüssig-Extraktion oder Flüssig-Flüssig-Extraktion, bei der eine gewünschte Verbindung mittels Lösungsmittel extrahiert wird. #21
Wirkung: In der traditionellen Medizin wird Melisse zur Reduktion von mentalem Stress und zur Linderung gastrointestinaler Störungen (z. B. Reizdarmsyndrom) eingesetzt. Der Wirkstoff bindet an GABA-Rezeptoren im Gehirn, was auf eine beruhigende Wirkung hinweist.
Wirksamkeitsnachweise: Klinische Daten zu Zubereitungen aus Melissenblättern sind bisher nicht umfangreich. Die vorhandene Evidenz basiert vor allem auf Kombinationen, z. B. aus Baldrianwurzel und Melissenblättern (z. B. Euvegal®). In klinischen Studien konnte eine Verbesserung der Schlafqualität und des allgemeinen Wohlbefindens beobachtet werden. Die Evidenz ist jedoch als mäßig einzustufen.
Zusammenfassung: Lavendel und Melisse gehören zu den wichtigsten Phytotherapeutika zur Behandlung von Schlafstörungen. Während die Wirkung von Lavendelöl relativ gut untersucht ist und deutliche angstlösende und sedierende Eigenschaften zeigt, sind die klinischen Nachweise für Melisse begrenzt. Lavendel kann zudem unter bestimmten Umständen Nebenwirkungen haben und sollte daher mit Vorsicht verwendet werden. #22
